Das Herbarium von 1653

Im Pharmaziemuseum Brixen wird ein wahrer Schatz verwahrt: Das Herbarium von 1653. Am 24. Mai 2018 wird Prof. Elsa Mariella Cappelletti (Universität Padua) in der Aula Magna des Sommersitzes der Universität Padua in Brixen ihre mehrjährige wissenschaftliche Arbeit am Herbarium vor. Das Hotel Elephant begleitet diese Veranstaltung als Hotelpartner und bietet Teilnehmenden Vorzugspreise für eine Übernachtung an, die direkt hier abgerufen werden können.

Zu den großen Schätzen in der Sammlung des Pharmaziemuseums Brixen gehört ein Herbarium aus dem Jahr 1653. Dank finanzieller Unterstützung und großem Engagement ist es dem Museumsverein recipe! bereits vor einigen Jahren gelungen, das umfangreiche Werk fachgerecht restaurieren und digitalisieren zu lassen. Seit einigen Monaten ist das Herbar von neuem in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem knapp 950 Pflanzenarten umfassenden Werk erfolgt unter den Augen der Professorin Elsa Cappelletti an der Universität Padua. Für den 24. Mai ist in Brixen die Präsentation einer Publikation, welche die Forschungsergebnisse dokumentiert, im Rahmen einer Veranstaltung der Freunde der Universität Padua – Brixen“ geplant.

Über das umfangreiche Forschungsunterfangen, erstaunliche Erkenntnisse und falsche Fährten sprach Franziska Luther, Geschäftsführerin des Museumsverbandes Südtirol mit Elisabeth und Oswald Peer, ehrenamtliche Museumsleiter im Brixner Pharmaziemuseum, das wir im Folgenden in Auszügen wiedergeben. Wir danken Frau Luther sowie Familie Peer sehr herzlich für die Bereitstellung des Interviews. Das vollständige Gespräch können Sie direkt auf der Internetseite des Museumsverbandes ("Nachgefragt - Im Pharmaziemuseum Brixen") nachlesen.

 

Was genau ist eigentlich ein Herbarium und welcher Nutzen wurde daraus in einer Apotheke gezogen?

Elisabeth Peer: Ein Herbarium ist eine Sammlung gepresster Pflanzen. Herbarien haben dazu gedient, die Pflanzen kennenzulernen, indem man diese in der Natur sammelte, presste und schließlich beschriftete. Ziel war es natürlich, sich die Pflanzen mit ihrem speziellen Erscheinungsbild einzuprägen. Im Fall unseres Herbars sind es nicht allgemeine Pflanzen, sondern Arzneipflanzen, die alle aus dem botanischen Garten von Padua stammen.
Der Garten von Padua ist einer der ersten botanischen Gärten der Welt. Über Venedig kamen viele Pflanzenarten nach Italien. Das in der Nähe gelegene Padua fungierte damals wie eine Prüfstation für die eingeschifften Arzneipflanzen. Die angelieferte Ware wurde dort hinsichtlich Echtheit und Qualität überprüft und verglichen. Eine weitere Nutzung erfuhr der Arzneipflanzengarten durch die Studenten der Medizin, die natürlich die verschiedenen Pflanzen kennenlernen sollten. Anhand unseres Herbars kann heute nachvollzogen werden, wie sich diese Studenten zu jener Zeit ihr Heilpflanzenwissen aneigneten: Vom verantwortlichen Gärtner, heute würden wir diesen eher als Botaniker bezeichnen, erhielten die Medizinstudenten ein Herbarium, allerdings ohne Beschriftungen. Ihre Aufgabe war es dann, die gepressten Pflanzen des Herbars anhand derer im botanischen Garten genau zu bestimmen und zu beschriften.
Dass dies wirklich so gewesen ist, konnte erst durch unser Herbarium sicher belegt werden. Der Student, ein gewisser Angermann von Innsbruck, hat beim Ausfüllen Fehler gemacht, die einem Botaniker-Gärtner niemals unterlaufen wären. Vergleiche der unterschiedlichen Handschriften stützen diese Annahme.

Wie ist das Herbar nach Brixen in den Familienbesitz der Apotheke Peer gelangt?

Oswald Peer: Wie das Werk nach Brixen gekommen ist, kann man leider nicht nachvollziehen. Einen Hinweis gibt das Exlibris des Herbars, welches eben Angermann von Innsbruck nennt, der Student in Padua war und auch dort promoviert hat. Seine Inskription hat man auch tatsächlich in der Natio Germanica der Universität gefunden, sodass man mit Sicherheit seinen Aufenthalt in der Universitätsstadt belegen kann. Angermann hat später seinen Medizinberuf in Innsbruck ausgeübt. Das zweite Exlibris gehört zu einem gewissen Franckh, der seinerseits Hofapotheker war und das Herbarium vermutlich von Angermann erworben hat. Für einen Zeitraum befand sich diese Hofapotheke im Besitz der Familie Peer, sodass es nicht verwunderlich ist, dass einige Objekte, und unter anderem auch das Herbar, in die Stadtapotheke Peer gelangten. Es wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Dass es ein wertvolles Objekt ist, ist damals schon bekannt gewesen. Mein Onkel hat mir berichtet, dass er das Herbarium nur einmal sehen und kurz darin blättern durfte. Interessant in Bezug auf die Provenienzgeschichte ist noch, dass es bereits 1850 in der Auflistung verschiedener Herbarien eines gewissen Kreuzer beschrieben und als in Besitz der Familie Peer befindlich genannt wird.

Vor einigen Jahren wurde das umfassende Werk in München restauriert. Bei einem Alter von über 300 Jahren und mehr als 900 enthaltenen Pflanzenarten sicher kein leichtes Unterfangen.

Elisabeth Peer: Ja das war schwierig, wir hatten aber trotzdem Glück. Die Medizinhistorikerin und Apothekerin Professorin Christa Habrich, inzwischen leider verstorben, hat dieses Herbar gesehen und sich für die Restaurierung und Digitalisierung eingesetzt. Große finanzielle Unterstützung konnten wir dank ihrer Vermittlung über den Verein „Freunde Südtiroler Museen und Sammlungen e.V. München“, dessen Mitglieder das Herbarium auch persönlich angeschaut haben, erhalten. Dann wurde die Bayerische Staatsbibliothek eingeschaltet, deren Verantwortliche wiederum eine geeignete Firma für die Durchführung der Restaurierungsarbeiten ausfindig machen konnte. Dies war nicht so einfach, da die Arbeiten eine Spezialisierung auf Pflanzen sowie die Nutzung spezieller Klebstoffe erforderten.
Die Restaurierung selbst dauerte natürlich eine Weile, auch aufgrund der Tatsache, dass das Buch komplett auseinandergenommen werden musste. Normalerweise sind Herbarien lose Blattsammlungen. In unserem Fall ist es ein in Leder gebundenes Buch, welches aber gar nicht für die große Anzahl an Pflanzen und deren Dicke ausgerichtet war. Der Buchrücken ist zu schmal, sodass sich das Buch wölbte. Einmal auseinandergenommen konnte jede Seite im flachen Zustand von einem Fotografen aufgenommen werden. Die detailreichen digitalen Bilder sind heute Grundlage für die Forschung, sodass das Herbar selbst geschont werden kann.

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